Agenten, Autoren und Ablehnungen

Agenten, Autoren und Ablehnungen

Alle Verlage suchen nach dem neuen “Superweib”. Alle angehenden
Autoren suchen nach einem Verlag. Da könnte ein Literaturagent helfen.
Wer in Deutschland als angehende(r) Patrick Süskind oder Tanja Kinkel einen Verlag sucht, braucht viel Durchhaltevermögen. Von hundert unverlangt eingesandten Manuskripten wählt ein Verlag vielleicht eins, allerhöchstens zwei aus. Wenn in Ihrer Schublade also das neue “Parfüm” auf seine Veröffentlichung wartet, tun Sie vor allem eines nicht: Schicken Sie Ihr Herzblut nicht unverlangt in der Verlagswelt herum. Kontakten Sie stattdessen die Verlage, in deren Repertoire Ihr Werk sich wohlföhlen könnte, und preisen Sie sich und Ihre Künste an, wie warme Semmeln. Wenn Sie das nicht können, suchen Sie sich einen Agenten.

Erfolgreich ohne Verlage und Agenturen: Schreib Dich reich und Federleicht lebendig schreiben

1995 erschienen in Deutschland im Bereich Belletristik 6.640 neue Bücher; das waren knapp neun Prozent aller Veröffentlichungen. Neunzig Prozent der angehenden Romanciers kommen dabei ohne die Hilfe eines Agenten aus. Dass das (noch) so ist, lässt sich aus der Geschichte erklären. Bevor sich die Verlage in den 60ern zu großen Ketten wie der Bertelsmann-Gruppe zusammenschlossen, war der Verleger für seine Autoren Mentor, Betreuer und Manager in einem. Der persönliche Kontakt wurde gepflegt, man denke nur an den regen Briefwechsel, den Rowohlt Senior mit Franz Kafka führte.

In den angelsächsischen Ländern hat sich das Geschäft anders entwickelt. Kaum ein Verlag in den USA würde ein Manuskript ohne die Vermittlung eines Agenten auch nur anrühren. Die Suche nach einem guten Agenten ist dort wie die berühmte Suche noch der Nadel im Heuhaufen. Hierzulande genügt ein Anruf beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. Dort hat man eine Liste der literarischen Agenturen in Deutschland zusammengestellt und ist gerade mal auf 22 Namen gekommen. Viele davon haben sich spezialisiert; FRALIT in Hamburg etwa auf Lizenz�bersetzungen, Transgalaxis in Friedrichsdorf im Taunus auf Ko-Produktionen im Bereich Sciencefiction und Geisenheyner & Crone in Stuttgart auf den Handel mit deutschen und ausländischen historischen Rechten.

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Reine Literaturagenten gibt es bisher nur eine Handvoll. Der erste war Axel Poldner, der bereits in jungen Jahren zum Verlagsleiter aufstieg und 1969 das Münchner Verlagsbüro Horst Hodemacher & Axel Poldner gründete. “Am erfolgreichsten ist man als Agent dann, wenn man mit einem völlig unbekannten Autor Erfolg hat”, sagt Poldner. In diesem Sinn war B.A. Hellmann sein größter Erfolg. Ihr Manuskript “Zwei Frauen” kam unaufgefordert mit der Post. Inzwischen hat der Roman 1,65 Millionen Exemplare verkauft. Heute arbeitet die Agentur mit fast allen großen Verlagen wie Droemer Knaur, Scherz, Econ, Bastei-Lübbe und Goldmann. “Die Lektoren kommen gern zu uns, weil wir für sie eine Vorauswahl treffen. Außerdem kennt man sich bereits seit Jahren”, sagt Poldner.

Auch Michael Meller ist schon lange erfolgreich tätig. Meller arbeitete in den USA zwanzig Jahre im Verlagsumfeld, ehe er sich selbständig machte. Zu seinen Klienten gehören u.a. Erika Pluhar, Pieke Biermann, Detlef Plettenberg und Peter Jungk (Sohn von Robert). Einen seiner größten Coups landete Meller mit einem Buch über ein (un)delikates Thema. Niemand wollte von “Ein ganz besonderer Saft” von Carmen Thomas kosten, doch Meiler blieb hart am Ball. Schließlich brachte 1993 der Kölner VWS-Verlag dieses Sachbuch über die Heilkräfte von Urin heraus. Inzwischen ist es ein Millionenerfolg. Meller hat selbst keine literarischen Ambitionen und hält sich an das Motto, dass Autoren schreiben und Agenten verhandeln sollen: “Wenn man sieht, wie schlecht manche Verlage mit Autoren umgehen und es einem selbst Spaß macht, gute Verträge auszuhandeln, kann man ein guter Agent werden.”

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Gut verhandeln muß ein Agent schon deshalb können, weil zehn bis fünfzehn Prozent des Honorars in seine Tasche fließen. Aus diesem Grund sind Agenten bei den Verlagen nicht sonderlich beliebt, denn sie gelten als cleverer und geschäftstüchtiger als Autoren. Dr. Georg Rauchlein, Cheflektor der Bertelsmann-Kette, bekennt: “Für einen Verlag ist der Agent ein natürlicher Gegner. Andererseits ist er aber recht hilfreich, weil er Manuskripte vorsortiert und uns so Arbeit erspart.” Bei der Bertelsmann-Gruppe, zu der die Verlage Goldmann und Blanvalet gehören, kommen die Verträge mit deutschen Autoren dennoch meist ohne Hilfe solcher Vermittler zustande. Bestes Beispiel ist Tanja Kinkel, deren Debüt “Die Puppenspieler” 1993 wochenlang die deutschen Bestsellerlisten anführte. Tanja Kinkel hatte offenbar weder Vertrauen zum Lektorat noch wollte sie einen Agenten. Statt dessen schickte sie ihr Manuskript an die Personalabteilung und Fand dort einen begeisterten Fan, der sich für sie einsetzte.

Bevor Sie nun zum Telefon greifen und einen Agenten oder Verlag anrufen, gehen Sie noch einmal in sich und prüfen Sie Ihr Manuskript. Ist es wirklich das neue “Parfüm”? Oder ist es ein Tagebuch, das auch ein solches bleiben sollte? “Jüngere Leute verarbeiten erste Liebestraumata, älteren hängt immer noch der Krieg nach. Das interessiert im privaten Umfeld, aber sonst in der Regel niemand”, meint Georg Rauchlein und schickt diese Manuskripte postwendend zurück. Er lässt sich auch nicht auf jene Anrufer ein, die sich mit den Worten anpreisen: “Ich bin Autor und schreibe Ihnen ein Buch zu jedem Thema.” Interessieren tut ihn und alle anderen Lektoren und Agenten die gut erzählte Geschichte. “Leider meint man hierzulande, dass alles, was erzählend unterhält, nicht gut sein kann und vergißt dabei, dass die gesamte klassische deutsche Literatur aus hervorragenden Erzählern besteht”, bemängelt Rauchlein “Keiner wagt es zu sagen, aber Werther ist vom Plot her ein wunderbarer Trivialschinken. Bis wir diese Erzähler auch in Deutschland wieder haben, werden weiter amerikanische Autoren wie John Grisham eingekauft.”

Erfolgreich ohne Verlage und Agenturen: Schreib Dich reich und Federleicht lebendig schreiben

Das kann Sibylle Dörner von der Dörnerschen Verlagsgesellschaft mbH in Hamburg nur bestätigen. Allerdings findet sie, dass die Verlage sich diese Misere selbst eingebrockt haben: “Man stand dort viel zu lange auf dem Standpunkt, das deutsche Literatur schwer sein muß. Das Erzählende wurde nie gefördert oder als trivial abgetan”, meint sie. Die Dörnersche Verlagsgesellschaft, 1950 von Sybille Dörners Vater als Verlag gegründet, wurde in den 60ern auf den Agenturbetrieb umgestellt. Sibylle Dörner sieht die Aufgabe der Agentur vor allem darin, den richtigen Verlag für den richtigen Autor zu finden. Im Bereich Belletristik gehört Annegret Ahrens mit ihren selbstironischen Emanzipationsromanen wie “Herz oder Knete” zu den Zugpferden der Agentur. “Eigentlich haben wir uns aber auf Sachbücher und Ratgeber spezialisiert, weil hier das Thema im Vordergrund steht und nicht der Autor”, erklärt Sybille Dörner. Trotzdem landen auch auf ihrem Schreibtisch haufenweise Manuskripte angehender Patrick Süskinds,” ….weil es in Deutschland furchtbar viele Menschen gibt, die es nicht dabei bewenden lassen wollen, dass Schreiben ein Hobby wie Töpfern oder Malen sein kann.”

Wenn Sie nun immer noch glauben, dass in Ihrer Schublade tatsächlich das neue “Parfüm” liegt, geben Sie nicht auf, auch wenn Sie keinen Agenten finden und der zehnte Verlag Ihr Manuskript mit einem vorgedruckten Schreiben ablehnt. Arif Pirinci hat sein “Felidae” nicht an einem Tag verkauft, und Robert Schneider musste über zwanzig Ablehnungen verkraften, bevor sich Reclam schließlich “Schlafes Bruder” annahm. Beides wurden Bestseller, beide wurden inzwischen verfilmt. Irren ist eben menschlich, auch im Literaturbetrieb …

Karin Aderhold

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Agenten, Autoren und Ablehnungen wurde am 03.10.09 um 15:25 in Verlage & Bücher veröffentlicht.
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