Restrukturierung in Deutschland

Die deutschen Unternehmen haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und reagieren deutlich früher auf Krisen als noch vor zwei Jahren. Laut einer Umfrage von Roland Berger Strategy Consultants bei Vorständen und Geschäftsführern deutscher Mittelständler und Großkonzerne leitet mehr als ein Drittel der Unternehmen bereits bei ersten Anzeichen einer strategischen Krise Gegenmaßnahmen ein. Dies entspricht einer Steigerung um 50 Prozent gegenüber 2001. Vier weitere Trends zeichnen sich ab: Die Zusammenarbeit zwischen Management und Betriebsrat wird wichtiger. Noch immer investieren zu wenige Firmen konsequent in die Krisenfrüherkennung. Die Mehrzahl der Befragten geht davon aus, künftig weitere Restrukturierungsaufgaben bewältigen zu müssen. Immer häufiger ergänzen Maßnahmen zur Ertragssteigerung die Restrukturierungsprojekte.
„Reagiert das Management schon bei ersten Anzeichen einer Krise konsequent und im Einvernehmen mit den Arbeitnehmervertretern, stehen die Chancen für einen erfolgreichen Turnaround gut“, sagt Michael Blatz, Partner und Leiter des Competence Center Restructuring & Corporate Finance bei Roland Berger Strategy Consultants. „Leider nutzen noch nicht alle Unternehmen Frühwarnsysteme, mit denen sich gerade in einem schwierigen Marktumfeld existenzielle Krisen meistens abwenden lassen. Entscheidend ist zudem der Blick nach vorn: Zu einer gelungenen Restrukturierung gehört die strategische Neuausrichtung.“

Trend eins: Schneller, früher, konsequenter

Die deutschen Unternehmen reagieren heute früher auf Krisen. 32 Prozent der befragten Firmen geben an, bereits bei aufkommenden strategischen Pro­blemen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. 2001 hatten sich dazu lediglich 20 Prozent bekannt. Allerdings handeln noch immer 68 Prozent der Unternehmen erst, wenn sich die strategische Krise in eine Ergebnis- oder Liquiditätskrise verwandelt hat (2001: 80 Prozent).
Im Zweijahresvergleich leitet das Management eine Restrukturierung heute schneller ein: Zwischen Krisenerkennung und Beginn der Restrukturierung liegen im Durchschnitt nicht mehr 30 Monate wie im Jahr 2001, sondern nur noch 14 Monate. Bei einem Drittel der Unternehmen vergehen jedoch 12 Monate und mehr, bis Restrukturierungsmaßnahmen eingeleitet werden.
Je größer die Unternehmen sind, desto schneller stemmen sie sich der Krise entgegen. Großkonzerne benötigen im Durchschnitt fünf Monate, kleinere Mittelständler dagegen 15 Monate, um Krisenprogramme aufzulegen.
Schnelle Restrukturierungen führen deutlich häufiger zum Erfolg. So werden 89 Prozent aller Projekte, die nach weniger als 12 Monaten eingeleitet wurden, positiv beurteilt. 51 Prozent der Manager bezeichnen die schnelle Implementierung von Gegenmaßnahmen als zentralen Erfolgsfaktor. Als weitere Erfolgsfaktoren gelten starkes Engagement der Führungskräfte (63 Prozent), ein ganzheitliches Konzept (39 Prozent), intensives Projektcontrolling (29 Prozent) sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat (25 Prozent).

Trend zwei: Zusammenarbeit mit Betriebsrat wichtiger

Bei den befragten Unternehmen steigerte eine intensive Kooperation mit der Arbeitnehmervertretung den Projekterfolg. 55 Prozent der Unternehmen, bei denen der Betriebsrat stark in die Restrukturierung eingebunden war, bewerten die Restrukturierung als erfolgreich. Dagegen sprechen lediglich acht Prozent der Unternehmen, die den Betriebsrat bei der Sanierung kaum eingebunden haben, von einem erfolgreichen Projekt.
Die Kooperation zwischen Management und Betriebsrat besitzt auch deshalb einen hohen Stellenwert, weil 99 Prozent der interviewten Unternehmen als wichtigste operative Maßnahme angeben, den Personalaufwand zu reduzieren. Neben bekannten Instrumenten wie Aufhebungsverträgen oder Altersteilzeit gewinnen kooperative Ansätze, etwa Lohnverzicht der Mitarbeiter (47 Prozent), Beschäftigungsgesellschaften (37 Prozent) oder Sanierungstarifverträge (27 Prozent), immer stärker an Bedeutung. Im Vergleich zu 2001 ist die Zahl solcher »Konsenslösungen« deutlich gewachsen. So haben 2003 nahezu doppelt so viele Unternehmen einen Lohnverzicht ausgehandelt. Infolge der schlechten Wirtschaftslage zeigen sich immer mehr Arbeitnehmervertretungen bereit, Sonderlösungen zu vereinbaren. Zudem erkennen Betriebsräte häufiger an, dass Einsparungen unumgänglich sind, und beteiligen sich aktiv an der Suche nach Lösungen. Dies gilt vor allem in großen Unternehmen, von denen bereits 73 Prozent auf einen Kooperationskurs setzen.
Neben geringerem Personalaufwand richten 96 Prozent der befragten Unternehmen ihre Restrukturierungsprojekte auf sinkende Sachkosten und kleinere Verwaltungen aus.

Trend drei: Früherkennung von Krisen weiter ungenügend

Nahezu einhellig vertreten die befragten Manager die Ansicht, Unternehmenskrisen gelte es durch spezifische Instrumente bereits im Anfangsstadium zu erkennen. Ebenso übereinstimmend geben sie zu, derartige Instrumente in den Unternehmen bislang nur unzureichend einzusetzen. So favorisieren zwar 96 Prozent der Befragten ein monatliches Management-Informationssystem, doch nur 57 Prozent haben es vollständig implementiert.
Besonders in kleinen Unternehmen fehlen Frühwarnsysteme häufig. Dabei zeigt die Befragung, wie wirksam diese sind: Unternehmen, die Früherkennungsinstrumente vollständig eingeführt haben, reagieren deutlich schneller auf Krisen. So benötigen Manager, die eine Balanced Scorecard nutzen, nur gut acht Monate, um Gegenmaßnahmen einzuleiten, während die durchschnittliche Reaktionszeit bei 14 Monaten liegt.

Trend vier: Restrukturierung als Daueraufgabe

Die Mehrzahl der befragten Unternehmen erwartet, in den nächsten zwei Jahren weitere Restrukturierungsaufgaben bewältigen zu müssen. Nur 20 Prozent der Firmen betrachten die Sanierungsprojekte als abgeschlossen. Dagegen verstehen 42 Prozent die Restrukturierung als einen kontinuierlichen Prozess, 29 Prozent gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit von künftigen Restrukturierungsmaßnahmen aus.
Vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland führen kurz- und mittelfristig zu weiterem Restrukturierungsbedarf. 54 Prozent der Firmen betrachten die lahmende Konjunktur als Risikofaktor Nummer eins. In Zukunft werden Restrukturierungen in Deutschland vor allem durch zwei Entwicklungen noch wahrscheinlicher: erstens die knappere Kreditvergabe der Banken infolge von Basel II, zweitens das steigende Wechselkursrisiko durch den starken Euro.

Trend fünf: Steigende Erträge sichern Restrukturierungserfolg

Im Zweijahresvergleich setzen immer mehr Unternehmen in der Restrukturierung auch auf Maßnahmen zur Ertragssteigerung. So haben 82 Prozent der befragten Unternehmen im Rahmen der Sanierung ein Sales-up-Programm durchgeführt, um ihre Vertriebserlöse nachhaltig zu erhöhen. 2001 lag dieser Anteil erst bei 49 Prozent. Die meisten Unternehmen teilen mittlerweile die Einschätzung, dass Restrukturierungen nicht allein durch sinkende Kosten zum Erfolg führen. Ertragssteigerungen werden künftig weiter an Bedeutung gewinnen.

Weitere Informationen: So brummt Ihr Laden

BusinessLetter

Martin Pritzkow
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Restrukturierung in Deutschland wurde am 04.02.10 um 12:16 in Allgemein, Kosten senken veröffentlicht.
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